Der Fliegenschrank

Er traute seinen Augen nicht, wieder und wieder blätterte er durch sein altmodisches Notizbüchlein. Doch es war nicht mehr zu leugnen: Er hatte in den nächsten vier Wochen keinen einzigen Auftrittstermin. Wie konnte das geschehen? Was – oder wer – steckte da dahinter? Er musste dahinterkommen, sein Seelenfrieden hing ganz eindeutig von einer befriedigenden Antwort ab. Schweren Herzens rückte er seine Fliege gerade und griff zum Telefon. Dass er selbst anrufen musste – nicht angerufen wurde – traf ihn bis ins Mark. Doch er biss die Zähne zusammen und öffnete die Favoritenliste seines Adressverzeichnisses.

Lanz, Maischberger, Kleber, Illner, Plasberg. In dieser Reihenfolge ging er entschlossen vor. Seine Frustration wuchs von Anruf zu Anruf, keiner wollte mit ihm sprechen. Die Verzweiflung trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Eine Verschwörung! Eine andere Erklärung war vollkommen ausgeschlossen. Sicher die Querdenker oder Reichsbürger. Sie waren die Schattenmacht in diesem Land. Und er ihr prominentestes Opfer. Ja, so musste es sein, das klang logisch.

Was konnte er dagegen tun? Er zog sich in seinen begehbaren Fliegenschrank zurück. Hier konnte er ungestört nachdenken, hier war ihm alles freundlich gesinnt. Eine Wolke von herrlicher Zukunftsangst, von schönster Panikstimmung, von ewig dauerndem Leiden umgab ihn wie ein heimeliger dunkler Kokon. Als er tief eingesunken war in seine Welt, die ihn stets vor der echten Welt da draußen beschützt hatte, wurden die Gedanken langsam ruhiger.

Erschrocken gestand er sich ein, kurz davor gewesen zu sein, bis zum Äußersten zu gehen. Er hatte schon die Hände an den Hals gehoben, zitternd, unentschlossen, von existenzieller Unsicherheit geplagt. Hatte gespürt, wie sein Herz einen Schlag ausgesetzt hatte, als er wie im Wahn die Finger unter den Kragen seines Hemdes geschoben hatte. Bereit, seine Fliege abzunehmen!

Doch nun strömte neue Energie in ihn. Sein Selbstbewusstsein kehrte im Eiltempo zurück, er wusste wieder, dass er der wichtigste Mensch in diesem Land war. Ein Plan! Das war es, was er brauchte. Nur weil die Pandemie fast vorüber war, meinte das Volk, nun wieder ein Recht auf Lebensfreude zu haben. Aber nicht mit ihm! Da! Mit einem Mal stand sie leuchtend vor ihm, die sehnlichst gesuchte Idee! Bunt, machbar und sinnfrei, alles, was eine gute Idee braucht. Zeit, zurückzuschlagen. Alle würden sie ihn wieder einladen, sein Leben gewönne neuen Sinn: als prophetischer Verfechter der Zwangsbefliegung!

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