Hinter der Zukunft – Leseprobe 3

Nachdem das Wahlalter auf 12 Jahre gesenkt wurde und zudem die Stimmen mit dem CO2-Budget gewichtet wurden, brachte die Wahl ein überraschendes Ergebnis. Robin fand sich plötzlich in einer neuen, ungewohnten Position wieder. Zum Glück hatte seinen besten Freund, Victor, als Berater anheuern können, der ihm die Lasten des neuen Alltages ein wenig abnimmt…

Taschenbuch Hinter der Zukunft

Robin und Carla

Robin lehnte sich zurück:

«Sie wollen mir helfen zu verstehen, was hier angeblich falsch läuft. Mir etwas zu verborgenen Kräften und Regeln erzählen. Ich bin sehr gespannt.»

Carla nippte noch einmal an ihrem Cappuccino, dann war sie offensichtlich bereit zu beginnen:

«Gut, dann mal los, ich beginne mit einigen persönlichen Erfahrungen im Amt für Schuld und Scham, die ich erst im Nachhinein wirklich verstanden habe. Ich wurde Zeugin von tausenden Geschichten und Schicksalen. Doch so individuell sie auch gewesen sein mögen, so ähnlich waren sie sich zugleich, denn es waren stets dieselben Ursachen, die hinter allem steckten. An erster Stelle stand die Idee, dass der Mensch unheilbar böse wäre. So böse und sündig, dass er Klima und Planet zerstören würde. Und das betraf natürlich jeden Einzelnen im Innersten, denn jede und jeder fühlte sich persönlich verantwortlich fürs Weltklima. Heute weiß ich, dass nicht einmal unser ganzes Land das Geringste am CO2-Gehalt der Atmosphäre verändern kann. Wir sind ja bereits fast neutral, und es gibt keine Messung, die seither auch nur den kleinsten Unterschied in der Atmosphäre festgestellt hätte. Dennoch fühlt sich der Mensch verantwortlich und lädt die Schuld auf sich. Das ist vielleicht der größte Erfolg von allen, dass Menschen dazu gebracht werden konnten, sich persönlich schuldig zu fühlen für eine globale Kennzahl, die sich im hundertstel Prozentbereich über Jahrzehnte verändert. Es kommt mir vor wie Zauberei. Oder Massenhypnose. Aber das nur am Rande.

Das zweite Thema war die Furcht vor Viren. Davor, selbst zu sterben oder jemanden anzustecken, der daraufhin einen grausamen Tod erleiden würde. Diese Angst saß tief, denn ein Virus ist ja unsichtbar, ebenso wie das CO2, so dass eine allgegenwärtige Furcht die Grundtönung des Lebensgefühls dieser Leute war. Und obwohl alle seit Jahren immer wieder geimpft worden waren, hielt die ständige Mutation der Viren die Bedrohung scheinbar immerwährend aufrecht. Dazu kam, dass die Kontaktbeschränkungen jeden Menschen täglich an die Gefahr erinnerten, ganz persönlich und ohne je zu enden.

Die dritte Angst war je nach Alter unterschiedlich: Die über Vierzigjährigen, die zu mir kamen, hatten ein immens schlechtes Gewissen und eine tiefe Scham, weil sie fürchteten, die Jungen würden ihretwegen keine Zukunft mehr haben. Und die Jüngeren hatten diese Angst quasi gespiegelt, denn sie fürchteten sich vor einem Leben, das in einer dunklen Sackgasse enden würde, ein Leben ohne Zukunft. Verursacht durch die ZuVis, wie sie allgemein genannt werden, die Zukunftsvernichter.

So war – und ist – die Furcht allgegenwärtig. Sie endet nie, wechselt nur ihre Intensität und ihren Anlass. Oder verwandelt sich in Schuld und Scham. Weshalb sie dann bei uns im ASS landeten. Nur eine Angst wurde mir nie gebeichtet: die vor der Regierung. Ich vermute, damit würde man nicht ins Amt für Schuld und Scham kommen.»

«Ja, ich weiß. Kenne ich alles selbst. Es zieht sich durch jeden Bereich unseres Lebens, vom Essen übers Heizen, Transport, Begegnungen, vor allem auch das Reden. Die Angst vor versehentlicher Hetze und Dunklen Wörtern beherrscht jeden. Aber es gibt noch etwas: Wut und Empörung. Mein Vater war nicht sehr ängstlich, er war vor allem wütend. Darüber, dass alle so blind, so verbohrt, so ignorant wären. Wir haben oft gestritten. Am Ende bin ich ausgezogen.»

«Tja, dann gehört er zu der kleinen Gruppe der verborgenen Leugner. Den meisten gelingt es nicht, dauerhaft ihre frevlerischen Ansichten zu verbergen, früher oder später kommt die KK oder der SeuchenSchutz und schnappt sie sich. Die Guten Helfer und die Handys leisten wirklich gute Arbeit. Und die Nachbarn, Kollegen, Kameraden bei Feldarbeit und Stromradeln. Sogar Ehegatten und Kinder. Vor allem die Kinder. Sie kennen es ja selbst.»

Er nickte. Trotz all seiner Auseinandersetzungen zu Hause hatte er diesen Schritt nie gemacht und in der Klasse für seinen Vater Hilfe angefordert. Es war ihm immer wie Verrat vorgekommen. Er wusste allerdings, dass es fast alle getan hatten.

«Ja, so ist es. Jeden Präsenztag fragen die Lernbegleitenden, ob man Hilfe für seine Eltern bräuchte. Und die meisten erzählen früher oder später Geschichten, die sie besser nicht erzählt hätten. Es funktioniert sehr gut. Die Kids haben dann das Gefühl, etwas besonders Gutes getan zu haben, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer sollte es ihnen verübeln?»

«Richtig. Diese Eltern saßen anschließend dann bei mir, heulten Rotz und Wasser und versprachen Besserung. Aber die Bußen hatten es in sich. Meistens Coints-›Spenden‹ im Wert von mehreren Lebensmonaten, zusätzlich Feldarbeit oder Stromradeln und viele Wochen in die Haltungsschulung. Eines der mächtigsten Werkzeuge, um Menschen gefügig zu machen, ist Scham! Beschäme einen Menschen, und er ist zu jedem Opfer bereit, um sich von diesem Gefühl zu befreien. Wir sind eben äußerst soziale Wesen, sonst hätte Scham nicht solch ungeheure Macht. Einige wenige kennen dagegen das Gefühl der Scham gar nicht, sie sind schamlos, können nicht beschämt werden. Ich glaube, die sitzen bei uns ganz oben. Doch zurück zu dem, was ich eigentlich erzählen möchte, denn es ist wichtig, den Mechanismus dahinter zu erkennen.»

«Ist das so etwas wie eine Spielregel?»

«Könnte man so sagen. Genau genommen sogar eine ganze Reihe von Regeln. Ich nenne sie die Regeln der Macht. Die erste lautet:

Sorge stets für existentielle Furcht.

Ich habe mich eine ganze Weile damit beschäftigt, es gibt heute noch ein paar erlaubte Bücher, in denen ein wenig zu finden ist. Früher waren es Feinde im Ausland, die immer eine furchtbare Bedrohung darstellten. Dann waren es im Kommunismus die Klassenfeinde und im Dritten Reich minderwertige Rassen. Heute sind die Bedrohungen der Klimawandel und die Viren. Die Angst spielt sich seither auf zwei Spielfeldern ab: Es geht einerseits um das eigene Leben, das täglich in Gefahr ist, dafür sorgen eben die unsichtbaren Viren. Und dann geht es um die Angst, am Tod anderer Menschen oder der katastrophalen Erhitzung des Klimas schuld zu sein. Da trotz aller Impfungen jeder immer noch Überträger sein kann, stellen nahe Kontakte potenziell tödliche Risiken dar. Wer möchte schon der Mörder eines Mitmenschen sein? Sicher niemand. So kommt zu allem anderen noch eine weitere Angst hinzu: die Furcht, sich an etwas Schrecklichem schuldig zu machen. Das ist die Krönung des Ganzen, Angst vor möglicher – nicht vollkommen auszuschließender – Schuld. Man könnte es als Schuldangst bezeichnen. Mehr geht nicht, denn es genügt allein schon die Möglichkeit, wie unwahrscheinlich sie auch immer sein mag. Und solange es Viren gibt, endet die Gefahr und damit die Schuldangst nie, nicht zu unseren Lebzeiten.

Ebenso verhält es sich mit dem Klima: Wenn es erhitzt oder kippt, so droht angeblich eine unermessliche Katastrophe. Da niemand wissen kann, wann und ob das geschehen wird, muss ebenfalls das Vorsorgeprinzip angewandt werden. Das bedeutet, dass alles, was auch nur im Geringsten zu CO2-Entstehung führen könnte, unterlassen werden muss. Und da CO2 an jedem Lebensprozess beteiligt ist, wird sogar das Atmen zu einer grenzwertigen Angelegenheit. Denn allein damit richten die Menschen bereits – so geht jedenfalls die Story – großen Schaden an.

Also leben wir mit der Angst um das eigene Leben und um die fahrlässige Tötung der engsten Freunde oder Familie und mit der Furcht, Klima und Planet durch unser bloßes Existieren zu zerstören. Furchtbarer geht es nicht mehr.»

«Wow, hört sich wirklich furchtbar an. Aber es ist ja auch was Wahres dran an all den Gefahren!»

«Klar, es gibt Viren und Klima verändert sich. Wie schon immer. Neu ist das sogenannte Vorsorgeprinzip. Es bedeutet, dass man alles – wirklich alles – tun muss, um jedes denkbare Risiko zu vermeiden. Stellen Sie sich vor, wir würden dieses Prinzip auf andere tödliche Gefahren anwenden: schlechte Ernährung, Bewegungsmangel, Kontaktarmut. Also die häufigsten Todesursachen. Das würde sicher helfen, doch würde es nicht ins Konzept der Macht passen, denn hier ist die zweite Regel:

Die Ursachen dieser existenziellen Bedrohungen dürfen nie direkt wahrnehmbar sein.

Viren können vom Menschen nicht wahrgenommen werden, sie lauern scheinbar immer und überall, werden niemals verschwinden. Ebenso das CO2: Es ist stets um uns herum, doch wir können es weder sehen noch riechen, höchstens Auswirkungen, die von ihm – tatsächlich oder nur angenommen – verursacht werden. Die direkte Wirkung ist uns für immer verborgen, nur Wissenschaftler können sie uns erklären und Modelle entwickeln. Ganz wichtig dabei ist es, dass es jederzeit Experten gibt, die solche Bedrohungsszenarien in dunkelsten Farben darstellen. Auf Grund ihres Expertenstatus kann ihnen nicht widersprochen werden, sie sind unantastbar. Vor allem, weil es niemanden mehr gibt, der widersprechen könnte, da komme ich in Regel fünf dazu. Entscheidend ist jedenfalls, dass kein Bürger die Ursachen der Bedrohungen selbst wahrnehmen kann, man dazu unbedingt Experten benötigt. Oder andersherum: Die Menschen würden ansonsten bemerken, dass diese Gefahren gar nicht so furchtbar bedrohlich sind.»

Robin saß verwundert da. Furcht sollte erschaffen worden sein durch unsichtbare Bedrohungen? Dabei war doch alles real: die Viren, die Klimaerwärmung, der zerstörte Planet. Was erzählte Carla da?

«Carla, das stimmt nicht, was du erzählst. Es ist doch jede der Gefahren real!»

«Ja und nein. Es gibt natürlich Viren, wie schon immer. Neu ist, dass der Mensch durch den Klimawandel ihre Entstehung verursacht haben soll. Und es gibt natürlich Klimawandel, wie schon immer. Neu ist, dass der Mensch daran schuld sein soll.

Jedes Ereignis wird so interpretiert, dass es die Experten unterstützt: Ein trockener Sommer oder ein Regendesaster, ein warmer oder kalter Winter, ein schönes oder trübes Frühjahr, ein lauer oder stürmischer Herbst: noch nie waren die Experten in der Lage, das Wetter länger als zwei Wochen vorherzusagen. Doch hinterher wissen sie stets genau, weshalb die Klimaveränderung jede Abweichung verursacht haben soll. Und der Urheber ist stets der Mensch.

Das führt uns direkt zu Regel drei:

Gib jedem Einzelnen persönlich Schuld an den Ursachen, da er von Natur aus böse und sündig ist.

Ich habe herausgefunden, dass früher, als Religionen noch eine große Rolle spielten, alles immer genauso ablief. Der Mensch war mit der Erbsünde geboren und nur durch die Vergebung Gottes vor der Hölle zu retten. So ungefähr, ich hab sogar noch Religionsunterricht gehabt, kann mich aber an fast nichts mehr erinnern. Jedenfalls war es immer so, dass die Menschen sich als Sünder fühlten, weil sie gegen die göttlichen Gebote verstießen. Heute gibt es andere Gebote, aber der Effekt ist derselbe: Jeder fühlt sich schuldig. Ich weiß auch nicht genau, weshalb das so ein wichtiges Prinzip ist, aber es zieht sich komplett durch die Geschichte. Dass ein einzelner Mensch glaubt, er hätte Schuld an der Klimaveränderung, weil er seine Wohnung heizt oder einfach atmet, das ist völlig absurd, es ist paranoid und jenseits aller Naturgesetze. Und dennoch Realität.»

Robin nickte nachdenklich. Er kannte dieses Gefühl. Beim Gamen lauerte oft ein nagender Zweifel, ob er den Stromverbrauch rechtfertigen könne, ob seinetwegen das Klima und die Zukunft schneller untergehen würden. Aber sein Wunsch zu spielen war stets größer gewesen. Mehrmals war er deshalb ins Amt für Schuld und Scham gegangen und hatte gebeichtet. Doch ganz hatte ihn die Scham darüber nie verlassen.

Carla zögerte, dann blickte sie Robin direkt an.

«Es geht immer darum, Wahrheit zu definieren.»

Jetzt war es Robin, der abrupt seine Sitzposition veränderte. Er richtete sich auf, wich dabei leicht nach hinten.

«Was soll das bedeuten? Es gibt nur eine Wahrheit, so wie die Dinge eben sind. Wer sollte die denn definieren?»

Carla Baudis senkte den Blick, spielte mit ihren Fingern, dann sah sie wieder auf.

«Ich glaube, das ist das schwierigste Thema von allen. Ich würde mir gern noch ein paar Gedanken dazu machen. Darf ich Ihnen das beim nächsten Mal erzählen?»

Robin spürte Enttäuschung in sich aufsteigen. Hatte er ihr zu früh sein Vertrauen geschenkt? Weshalb wollte sie gerade hier abbrechen? Zu behaupten, Wahrheit könne ›definiert‹, also irgendwie ›gemacht‹ werden, war mehr, als er akzeptieren konnte. Und genau jetzt wollte sie das Gespräch beenden. Was sollte das?

«Sie behaupten also, Wahrheit könnte von irgendjemanden erzeugt werden? Das klingt äußerst unglaubwürdig. Die Wirklichkeit, in der wir leben, ist, wie sie ist. Ich weiß schließlich, was ich erlebe. Also, was soll das bedeuten?»

«Ok, ich merke schon, dass es ein schlechter Moment ist, um abzubrechen. Ich möchte Ihnen ein Rätsel aufgeben, bis zum nächsten Mal: Woher wissen Sie das meiste über die Wirklichkeit?»

«Da brauchen wir nicht bis zum nächsten Treffen warten, das kann ich gleich beantworten: von meinen Erfahrungen!»

«Nein.»

«Was, nein?»

«Das ist leider falsch. Sorry, dass ich das so knallhart sage, doch ich kann es beweisen. Allerdings muss ich überlegen, wie ich das am besten mache, ohne dass Sie mich rauswerfen.»

«Also gut, aber wie wäre es mit einem kleinen Hinweis? Sie haben gerade von einem Rätsel gesprochen. Was soll das sein?»

«Ja, eine kleine Aufgabe, das geht. Haben Sie schon einmal eine sinkende Insel gesehen?»

«Natürlich nicht. Ist ja wohl schlecht möglich, wenn man nicht verreisen kann.»

«Aber Sie wissen, dass es so etwas gibt?»

«Was soll die Frage, natürlich weiß ich das, das weiß doch jeder!»

«Woher»?

«Na, aus den …»

«Nein, nicht antworten. Das ist das Rätsel.»

Wie auf ein Zeichen standen beide auf und Carla streckte ihm die Hand entgegen.

«Danke für Ihre Geduld. Ich weiß, dass es schwierig ist. Ich hatte dafür lange Zeit. Sie eher nicht. Ich werde mein Bestes geben, um Ihr Vertrauen nicht zu verlieren. Es ist zu wichtig, es darf nicht scheitern.»

Wie in Zeitlupe ergriff er ihre ausgestreckte Hand und drückte sie leicht. Als sie das Zimmer verlassen hatte, kam ihm zu Bewusstsein, dass er sich nicht erinnern konnte, wann er das letzte Mal jemandem die Hand gegeben hatte.

 

Und du?

Woher weißt du das meiste über die Wirklichkeit?

Und wie lauten die fehlenden sieben Regeln?