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Zur Zukunft der Arbeit – Sloterdjik und Prof. Dr. Rohrmair in Augsburg

23. November 2017

Wie sieht unsere Arbeits- und Lebenswelt in 10 oder 20 Jahren aus wenn Digitalisierung, künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge maximal verbreitet sind? Und wie können wir heute Weichen in die richtige Richtung stellen, sowohl als Gesellschaft im gesamten als auch für den Arbeitsmarkt? Das waren Fragen, die zur Auftaktveranstaltung des Projektes „team 4.0“ im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses vor ca. 400 Gästen aufgeworfen wurden.

Zur Beantwortung hatte man zwei Professoren recht unterschiedlichen Hintergrundes geladen: Prof. Dr. Rohrmair, Präsident der Hochschule Augsburg, nahm sich der Sache aus eher technologischer und gesellschaftlicher Perspektive an, Prof. Dr. Peter Sloterdjik – bekannt vom philosophischen Quartett im ZDF – sollte den philosophischen Aspekt beleuchten. Der Veranstalter für „team 4.0“ ist ein Zusammenschluss von Hochschule Augsburg, Berufsbildungszentrum Augsburg, der hiesigen Wirtschaftsförderung und weiteren Projektpartnern aus der Industrie. Das Projekt wird gefördert aus Töpfen der EU und Bayerns.

Was waren nun die Prognosen für unsere Zukunft?

Alle neuen Big Player (Uber, amazon, airbnb…) haben „Plattform-Innovationen“ entwickelt, mit denen sie gesamte Branchen beherrschen können (Taxis, Übernachtungen, Online Handel…), so Prof. Rohrmair. Diese auf Effizienz hin optimierten Marktplätze bieten dem Verbraucher (zunächst) Vorteile durch Transparenz und Preiswettbewerb. Durch anschließende Monopolisierung entstehen allerdings laufend Player, die komplett den Zugang zum Kunden kontrollieren und so alle Möglichkeiten der Marktbeherrschung erhalten. Gut oder schlecht…?

Laut Prof. Rohrmair folgt erstaunlicherweise aus den technologischen Trends eine Stärkung der menschlichen sozialen Kompetenzen! Und dies begründet er so: in unserer überkomplexen Welt, die zudem ständig unsere Aufmerksamkeit absorbiert, kommt folgenden Kompetenzen eine besondere Bedeutung zu:

  • Selbstmotivation
  • Umgang mit großen / unklaren Daten (Entscheiden unter Unsicherheit)
  • Arbeiten mit verschiedenen Kulturen
  • Ignorieren von Information bzw. Fokussierung der Aufmerksamkeit
  • Guter sozialer Umgang

Dies könnte eine sehr wünschenswerte Entwicklung sein, die den direkten Kontakt unter Menschen wieder fördert. Aus meiner Sicht fehlt hier allerdings eine ganz zentrale Kompetenz: die Fähigkeit zur Selbst-Wahrnehmung. Damit ist gemeint, den aktuellen inneren Zustand jeweils zu bemerken und dadurch die Fähigkeit zu gewinnen, die eigene Aufmerksamkeit steuern zu können. Erst dadurch gelingen Soft Skills wie Selbstmotivation, soziale Kompetenzen, Fokussierung u. v. a. wirklich! (Im Bereich METAFOKUS stellt dies die Ebene 1 dar)

Nun zu Sloterdjik. Was sagt uns die Philosophie zu Arbeit 4.0? Die alten Griechen führten die erste gesellschaftliche Disruption durch: sie sorgten dafür, dass alle 12.000 Bürger Athens des Lesens und Schreibens mächtig wurden! Heute erleben wir eine Disruption, die in ihrer Wirkung vergleichbar ist. Wie dies gemeint ist verrät uns Sloterdjik allerdings nicht. Er erzählt lieber von griechischen Orakeln, Landflucht, dem Menschen als Eskapisten und dass wir nur 191 Morde in Deutschland hätten und deshalb viel weniger Polizei bräuchten. Die Digitalisierung erscheint in Form von Konrad Zuse, zugewanderten Autos und – nichts weiter.

Die Enttäuschung war groß, waren doch sicher einige der 400 Gäste nur gekommen, um diesem bekannten Philosophen zu lauschen. Und es gibt wahrhaft Fragen, wo wir die Philosophie heute brauchen könnten: wenn 50% der Arbeitsplätze wegfallen sollten, woraus schöpft der Mensch Sinn, wenn er keiner Erwerbsarbeit mehr nachgeht? Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, in welcher die Hälfte nicht mehr arbeitet und gleichzeitig die Lebenserwartung auf 100 Jahre steigt? Was folgt aus der Tatsache, dass künftig Maschinen den Arbeitern sagen, was sie tun sollen? Wie kann Steuer gerecht werden, wenn immer weniger Menschen arbeiten…?

Es gibt also mehr denn je im gesellschaftlichen Diskurs zu verhandeln. Und dies ist auch absolut angebracht wenn wir die Gestaltungshoheit nicht an das Silicon Valley, japanische Roboter oder die Eigendynamik der Innovationen abgeben möchten. Die Philosophie kann hier einen wichtigen Beitrag leisten – Slotedjik eher nicht.

Bildquelle Prof. Rohrmair: Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

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