Zeitverschiebung

In unsrer Autorengruppe stellen wir uns regelmäßig der Aufgabe, innerhalb einer Stunde zu einem ausgewählten Stichwort einen Text zu verfassen. Es sind versuche in Kreativität und unterschiedlichsten Stil-Varianten. Manche Texte regen anschließend dazu an, noch ein wenig tiefer einzutauchen.

So ist auch dieser Text entstanden. Zeitverschiebung kann ja auf recht verschiedene Weise verstanden werden: die Umstellung auf Sommerzeit, im Sinne der Einstein’schen Relativitätstheorie oder in anderen Kontexten im Reich der Science Fiction. Hier ist ein weiterer Ansatz. Wer weiß, ob es dereinst dazu kommen wird…

Zeitverschiebung

Vor Arbeitsbeginn zum Chef ins Büro kommen, das war die letzte Info, die ich gestern kurz vor Feierabend erhielt. Und zwar zum Big Boss – persönlich. Ich kannte niemanden, der schon einmal eine Audienz dort oben im 308. Stock bekommen hatte. Na ja, Audienz war wohl auch das falsche Wort, klingt viel zu positiv. Wenn ich einen grandiosen Erfolg in den letzten Tagen gehabt hätte, dann könnte ich vielleicht mit einem hoffnungsvollen Gefühl meine Aufwartung machen. Aber das hätte ich bemerkt. Den Erfolg, meine ich.

Seit fast fünf Jahren arbeite ich nun schon im bedeutendsten Ministerium und bisher immer unauffällig. Denn das war das Wichtigste – nicht aufzufallen. Zuverlässig, normgerecht und in angemessener Geschwindigkeit die zugetragenen Aufgaben erledigen, das war oberstes Ziel. Was mir bisher immer gut gelungen war. Deshalb vor vier Wochen die Beförderung in die neue, noch wichtigere Abteilung.

Ich stieg also in den Schacht, in welchem mich das Feld sanft nach oben zog. Bis in den 308. Stock, das dauerte schon ein paar Sekunden. Und genau dort schob es mich behutsam aus der Röhre.

Sein Büro lag am Ende des Ganges, wie an der riesenhaften Türe unschwer zu erkennen war. Kurz bevor ich an seiner Residenz angekommen war, öffnete sich die Türe lautlos. Sie war mindestens fünf Meter hoch, ebenso breit und zweigeteilt. Gebannt blieb ich stehen. Beide Flügel hatten sich ganz offensichtlich für mich geöffnet und gaben den Blick frei auf ein Zimmer, in dem mehrere Mannschaften gleichzeitig hätten trainieren können. Mitten in diesem Saal stand ein Tisch mit zwei Stühlen, wovon der mir zugewandte leer war.

Im anderen, auf der gegenüberliegenden Tischseite, saß ER. Unzählige Male hatte ich ihn auf Fotos oder in Streams gesehen, doch nie in persona. Er war noch viel größer, als ich es erwartet hatte. Die Tischplatte war etwa auf einer Höhe von eineinhalb Metern und sein Oberkörper überragte sie sicherlich um drei Meter. Alle vier Arme waren aufgelegt, ein leichtes Beben ging durch seinen Körper, als er mich erblickte. Ich versuchte, so zielstrebig und positiv wie möglich auf den freien Stuhl zuzusteuern. Was mir jämmerlich misslang. Meine Knie beschlossen, ein Eigenleben zu führen und meine Arme schlossen sich in falscher Solidarität an. In diesem wankenden, rudernden Gang näherte ich mich dem großen Wohltäter, der alle seine Augen auf mich gerichtet hatte. Als ich nach endlosen Momenten den Stuhl erklommen hatte, der dankenswerterweise mit einer Leiter versehen war, stand mir der Schweiß auf der Stirn. Vorsichtig hob ich den Kopf. Seine Miene war undurchdringlich, nur die Nüstern blähten sich bei jedem Atemzug auffällig.

„Da sind Sie ja endlich. Ich nehme an, Sie wissen, weshalb Sie hier sind?“

Nicht-Wissen ist so eine Sache, besonders unpassend erschien es mir gerade jetzt. Doch was sollte ich sagen? Ich hatte ja tatsächlich keine Ahnung, was mir diese zweifelhafte Ehre verschaffte. Wirklich nicht die Spur einer Idee. Also tat ich das, was in solchen Situationen oft hilft. Ich log:

„Nun, ich nehme an, es ist wegen meines fünfjährigen Arbeitsjubiläums?“

Seine beiden rechten Arme hoben sich vom Schreibtisch. Was hatte er vor? Ich war mir nicht sicher, ob sie bis zu mir reichen würden, ob er mich damit packen wollte. Zur Sicherheit machte ich mich ein wenig kleiner. Noch kleiner.

„Das ist dieser Humor, von dem ihr Menschen manchmal erzählt, richtig?“

Mit einer kräftigen Bewegung ließ er beide Arme zurück auf die Tischplatte sausen. Als das Pfeifen in meinen Ohren etwas nachgelassen hatte, konnte ich endlich antworten:

„Die Wahrheit ist, ich habe keinen blassen Schimmer, weshalb ich die Ehre einer persönlichen Audienz erhalten habe.“

Die Wülste über seinen beiden rechten Augen hoben sich. Ich gestand mir ein, dass ich ihn noch hässlicher fand, als auf den Bildern. Wie er damals gelandet und der erste Schock vorüber war, gebot es die Political Correctness, niemals über sein Aussehen zu sprechen. Alienistische Aussagen wurden gar unter Strafe gestellt. Aber die wenigsten Menschen saßen ihm jemals direkt gegenüber. Ich schon. Was soll ich sagen, da saß ich nun und wartete bang auf das, was kommen würde.

„Seit vier Wochen arbeiten Sie in der Abteilung für Zeitverschiebung. Vor zwei Tagen wurden Sie ermächtigt, einfache Verschiebungen selbst vorzunehmen. Einfache Verschiebungen!“

Seine Stimme donnerte derart, dass mein spärliches Haar nach hinten wehte, meine Ohren konnten sich gerade noch an der Kopfhaut festklammern.

„Und was haben Sie getan? Das größte Chaos angerichtet, das der Planet je gesehen hat. Sie haben die Erfindung des Smartphones vor die Entwicklung der Achtsamkeit geschoben! In ein Zeitalter primitivster Charakterausformungen. Der reine Wahnsinn ist ausgebrochen. Wir brauchten 27 Zeitverschiebungen, um das wieder zu korrigieren. Dabei sind Firmen entstanden, die es nie gegeben hätte und Milliardäre, die vollkommen ohne Verstand waren.“

Zitternd lauschte ich seinen Worten. Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint. Die Menschen im 21. Jahrhundert waren derart zurückgeblieben, dass sie mir einfach leidtaten.

„Letztlich gelang es, alles wieder zu korrigieren. Aber Strafe muss sein. Ich verbanne Sie hiermit ins Jahr 2020.“

Nun, hier sitze ich und erzähle diese Geschichte. Und weiß jetzt schon, dass Sie mir nicht glauben werden. Scheiß Jahrhundert.

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