Hinter der Zukunft – Leseprobe 1

Der sogenannte ›Gute Helfer‹ war nach CO2-Lifetime-Budget und De-Industrialisierung die dritte Säule zur Erreichung der Großen Transformation. Das unlösbare Armband beinhaltete eine Reihe wichtiger Funktionen, die Trägerin und Träger ein gutes und sicheres Leben in der neuen Gesellschaft ermöglichten…

Taschenbuch Hinter der Zukunft

Der Gute Helfer

Der sogenannte ›Gute Helfer‹ war nach CO2-Lifetime-Budget und De-Industrialisierung die dritte Säule zur Erreichung der Großen Transformation. Er war die logische Fortführung von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz sowie der Impf- und Tracing-App, die nach der großen Pandemie für alle verpflichtend eingeführt worden war. Nachdem die App nie richtig funktioniert hatte, war man dazu übergegangen, jedem Geimpften ein Armband anzulegen, das deutlich machte, dass von dieser Person keine Gefahr ausging. Anfangs waren die Armbänder kaum verbreitet, da die Impfungen eher schleppend in Gang kamen. Doch nach einem Jahr gehörten sie schon zum gewohnten Straßenbild und nach weiteren zwölf Monaten waren alle solidarischen und verantwortungsvollen Bürger mit diesem Armband ausgestattet.

Wer die Armbänder ablehnte, war sofort als Egoist und potenzieller Gefährder zu erkennen und musste damit leben, dass er weder Busse, Bahnen oder Flugzeuge benutzen durfte und von allen Läden sowie Veranstaltungen ausgeschlossen blieb. Die Anzahl an Verweigerern nahm daraufhin sehr schnell ab und die wenigen, die aller Solidarität zum Trotz weiter Impfung und Armband ablehnten, wählten freiwillig ein Leben in Isolation.

Der Gute Helfer war eine beeindruckende Weiterentwicklung dieser ersten Armbänder. Seine wichtigsten Funktionen bestanden in der Erfassung aller CO2-Aufwendungen und Verrechnung der verbrauchten Coints mit dem Lebensbudget. Mit der Einführung des CO2-Lifetime-Budgets wurden die Armbänder verpflichtend, auch die ehemaligen Verweigerer konnten sich nun der Solidarität nicht mehr entziehen.

Damit niemand in Versuchung kam, unrechte Dinge anzustellen, waren die Verschlüsse so konstruiert, dass sie nicht selbst geöffnet werden konnten. Gegen ein gewaltsames Öffnen oder ein Abschirmen der Funkwellen mit isolierendem Material waren hochwirksame Schutzmechanismen entwickelt worden. Verschiedene Stärken von Stromschlägen machten den Träger unmissverständlich auf seine Verfehlung aufmerksam. Beim Versuch der Überschreitung einer Grenze aktivierte sich die finale Stufe drei: Die Freisetzung eines tödlich wirkenden Hautgifts, das innerhalb weniger Minuten wirkte. In jedem Fall wurde ein Signal an das Klimaministerium ausgesendet.

Die integrierte Zahlungsfunktion (das Bargeld war gleichzeitig mit Einführung des Lebensbudgets abgeschafft worden) vereinfachte jeden Einkauf. Diverse wichtige Services, wie die Nutzung von Fahrzeugen, Verwendung des Internets oder Einlass in Gebäude, erforderte eine eindeutige persönliche Identifizierung, die ebenfalls der Gute Helfer legitimierte.

Insgesamt waren Fairness und Transparenz wichtige Eckpfeiler der Gemeinschaft. Dazu zählte besonders das Erfassen aller gesprochenen Worte durch die Armbänder, um die richtige Haltung zu fördern. Die Gute Regierung wollte den Bürgern jederzeit Hilfe anbieten bei Unklarheiten in Wortwahl oder Diskussionsverlauf. Deshalb waren alle Guten Helfer mit einer leistungsfähigen KI (künstlichen Intelligenz) ausgestattet, welche die Bedeutung des Gehörten in Sekundenbruchteilen auswertete und – wenn nötig – eingriff. Dies erfolgte durch automatisches Beraten des Trägers bei der Verwendung von Dunklen Wörtern. Daher auch der Name Guter Helfer: Er symbolisierte die Absicht, die Menschen in allen Lebenslagen zu unterstützen und bot im Falle von sprachlichen oder gedanklichen Verirrungen sofort Hilfe an. Beim Auftreten von absichtlich verwendeten Ketzereien oder Leugnungen konnten direkt weitere Maßnahmen eingeleitet werden, meist verbunden mit einer Spende von Coints, was einer Verkürzung der geschenkten Zeit auf dem Planeten bedeutete.

Für jede Nutzung eines Computers, Smartphones oder anderen elektronischen Gerätes war die Identifizierung des Nutzers mittel seines Trackers obligatorisch. In der Folge reduzierte sich das Aufkommen von Hass-Postings, Klimahetze oder regierungskritischen Beiträgen um über 99%. Alle Suchanfragen und besuchten Websites wurden erfasst und dem jeweiligen Nutzer zugeordnet, um so den Bürgern größtmögliche Sicherheit im Umgang mit den gefährlichen elektronischen Medien zu geben. Da die Guten Helfer direkt mit den Servern des Klimaministeriums vernetzt waren, wurden alle Informationen automatisch Bestandteil der Lebensdatei eines Bürgers. Mit dieser umfangreichen Informationssammlung konnten die Menschen gegenüber den Behörden ihre Klima- und Planetenliebe nachweisen.

Darüber hinaus waren die Geräte mit einem hervorragenden Ortungssystem ausgestattet, das es jederzeit erlaubte, den genauen Aufenthaltsort des Trägers zu bestimmen. GPS und der flächendeckende 5G-Funkstandard ermöglichten all dies in Echtzeit und auf den Meter genau, auch innerhalb von Gebäuden. Dank des exakten Trackings waren die Begegnungen aller Personen nachvollziehbar – das elementare Instrument für eine dauerhaft wirkungsvolle Gesundheitsverteidigung.

Kontakte – vor allem mit unbekannten Menschen – galten als beständiges Gesundheitsrisiko und sollten aus Eigen- und Gemeinschaftsinteresse unbedingt vermieden werden. Doch wie immer gab es Unverbesserliche, die keine Scheu vor ungezügelten sozialen Kontakten zeigten. Aus diesem Grund war das Ministerium für Gesundheitsverteidigung gezwungen, ein verbindliches Begegnungsbudget festzusetzen. Jeder Bürger hatte das Recht, monatlich zehn Unbekannten näher als 1,5 Meter zu kommen. Wenn eine Begegnung unterhalb dieses Mindestabstandes stattfand, so gab der Gute Helfer eine deutliche Warnung aus. Unverzüglich mussten die beteiligten Personen gleichzeitig über ihre Armbänder bestätigen, dass der Kontakt erwünscht war. Die vollständige Verfolgbarkeit jeder Begegnung, eine Reduzierung von Fremdkontakten sowie die Tatsache, dass alle sich nun wesentlich genauer überlegten, mit wem sie Verbindung aufnehmen wollten, waren von großem Vorteil. Fairerweise galt dies nicht für registrierte Freunde (maximal zehn) und Familienmitglieder ersten und zweiten Grades. In diesem Kreis waren Begegnungen unbeschränkt möglich.

Die Menschen fühlten sich wohl mit diesen Regeln, gaben sie ihnen doch ein hohes Maß an Freiheit und Sicherheit. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, die alle während der Pandemien aufgewachsen waren, schätzten die Kontaktwarnungen. Sie wussten, dass die Nähe zu Menschen potenziell tödlich sein konnte und versuchten, sie so gut wie möglich zu vermeiden. Ihre Traumatisierung führte bei vielen dazu, dass sie ihre Apartments kaum noch verließen. All das half auch wirkungsvoll dabei, das Wachstum der Erdbevölkerung einzudämmen. Denn die Menschen wussten inzwischen, dass jede und jeder Einzelne auch dafür Verantwortung trug.