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Zuschauerrekord bei Neujahrsansprache

Zuschauerrekord bei Neujahrsansprache

Das neue Jahr stellt bereits einen Rekord auf? Kaum zu glauben! Aber es handelt sich nicht um 2026. Ein kurzer Blick in eine positive Zukunft zum Jahreswechsel.

Eine überraschende Entwicklung zeigte sich bei der Neujahrsansprache des Präsidentendarstellers. Die im Rahmen der «Tagesschau» gesendete Rede konnte einen Zuschauerzuwachs von 6 Prozent verzeichnen. Intendant Strohmann zeigte sich erfreut:»Die Zahlen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unsere Sendung ist ein Leuchtturm der Informationsvermittlung. Das gibt uns neuen Auftrieb.» Wie die Statistik bestätigte, erhöhte sich die Zahl der Zuseher am Sylvesterabend von durchschnittlich 1.123 auf 1.190 Personen. Unbekannt ist jedoch, wie viele davon Mitarbeiter oder deren Angehörige waren.

Allerdings blieb diese Meldung vollkommen unbemerkt. Der Prozess, der zum Ende jeder Aufmerksamkeit für die Darsteller in Politik und Medien geführt hatte, ließ die Bürger auch erkennen, dass es verschwendete Lebenszeit sei, sich mit diesen Inszenierungen zu beschäftigen. Dennoch wurden die großen Bühnen weiter bespielt. Es wurden Debatten geführt, Gesetze verabschiedet und Kollegen beleidigt. Wer einmal als Zuschauer dem Spektakel beigewohnt hatte war sich sicher, dass die Herrschaften es absolut ernst meinten.

Heute kann niemand mehr genau sagen, was der eigentliche Beginn der Echten Transformation war. Manche meinen, es wären die Soldaten und Polizisten gewesen, die bemerkten, dass sie ja selbst auch unter all den Gesetzen, der Inflation, der Überwachung und den digitalen IDs leiden mussten. Andere behaupten, es wären die Gerichte gewesen, die sich plötzlich und unerwartet weigerten, politische Urteile zu sprechen und wieder wie früher nach Recht und Gesetz entschieden. Was dazu führte, dass sehr viele sogenannte «Experten» in die Gefängnisse wanderten. Wieder andere sind überzeugt, es waren die freien Medien, die eine kritische Masse an aufgeklärten Bürgern erzeugen konnten, so dass ein Kipppunkt erreicht wurde: die hörige Mehrheit wurde zur Minderheit und aus Gründen des jahrzehntelang geschulten Konformitätstriebes wechselten sie von einem Tag auf den anderen die Seiten.

Den eigentlichen Kick bekam die Sache dann durch die mittelständischen Unternehmer, die in überwältigender Mehrheit entschieden hatten, keine Steuern mehr abzuführen. Keine Mineralölsteuer, keine Tabaksteuer, keine Branntweinsteuer, keine Mehrwertsteuer, vor allem keine Lohnsteuern. Der Staatsapparat lief sofort trocken, da die Ausgaben nicht mehr gedeckt waren. In einer Notaktion sollten die Banken Überbrückungskredite auszahlen, doch die Bonität des Schuldners war fragwürdig. Die Banken stellten eine Schufa-Anfrage, mit dem Ergebnis, dass der Schuldner in über 80 Jahren noch nie seine Kredite getilgt hatte und somit das unterste Bonitäts-Rating erhielt. Die KI-gesteuerten Algorithmen der Banken verhinderten daraufhin jeden Kredit, selbst die Direktoren konnten dies nicht überstimmen. Damit war die Liquidität des Staatssäckels innerhalb von vier Wochen bei Null.

Was aber noch viel schlimmer war – zumindest für einige Protagonisten der langjährigen Schauspieltruppe – das war die Tatsache, dass das komplette Security-Personal den Dienst einstellte. Nicht wegen des fehlenden Geldes – die entsprechenden Personen hatten erstaunlicherweise große persönliche Vorräte an Silber- und Goldmünzen angelegt – sondern weil sie mit einem Mal erkannt hatten, welche Macht sie de facto besaßen. Ohne ihren Schutz waren die zu schützenden Personen schutzlos. Das war zwar schon immer so, doch diese Erkenntnis breitete sich damals wie eine Lawine aus. Die Schutzlosen suchten panisch Schutz und verbarrikadierten sich in den Parlaments- und Regierungsgebäuden. Dies interessierte jedoch niemanden ernsthaft, da sich rasch die allgemeine Einschätzung verbreitete: Essen und Trinken muss jeder!

Und so war es dann auch. Nach nur wenigen Tagen zeigten sich weiße Flaggen an den Gebäuden und ängstliche Personen wagten einen Schritt vor die Eingangstür, um zu verhandeln. Die Bürger hatten in den Städten und Gemeinden mittlerweile Selbstverwaltungen gegründet, um zunächst die Ordnung aufrecht zu erhalten. Sie schickten Abgesandte zum Gespräch, um humanitäre Hilfe anzubieten. Doch überall ergab sich dasselbe Bild: die Gespräche endeten ergebnislos. Der Grund waren Forderungen der Noch- oder bereits Ex-Politiker nach Wiederherstellung ihrer vollen Privilegien – nicht etwa die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Sie drohten mit Verhaftungen und hohen Strafen, wollten die alten Zustände so schnell wie möglich zurückhaben.

Dies sorgte allgemein für Erheiterung. Da die selbstorganisierten Gruppen einerseits keine Rachepläne hegten, andererseits kein Interesse mehr an dem ganzen Schauspiel hatten, warteten sie einfach ab. Die Natur sollte ihnen Recht geben: nach nur kurzer Zeit fanden sich andere Personen vor den Türen der Gebäude und baten um weitere Gespräche. Es zeigte sich, dass alle mehr oder weniger ähnlich ausfielen. Es musste wohl an gewissen gemeinsamen Eigenschaften liegen. Der Tenor war, sie würden niemanden anklagen, aber jetzt sei es genug mit dem ganzen Unsinn. Sie forderten zunächst umfangreiche Catering Services und anschließend freies Geleit in ihre Häuser. Im Ergebnis erhielten sie täglich Lieferungen von den Tafeln und notarielle Beurkundungen, welche die Spende ihrer Immobilien an gemeinwohlorientierte Projekte beurkundeten. Dies löste vielfach Panik aus. Interessierte Beobachter konnten hinter den verschlossenen Fenstern Handgreiflichkeiten beobachten. Auch rannten einige der ehemals Privilegierten aus den Gebäuden und versuchten, zurück in ihre Wohnungen zu gelangen. Dort mussten sie allerdings feststellen, dass ihre Schlüssel nicht mehr passten. In ihrer Verzweiflung kehrten sie angstvoll zurück. So ging es einige Zeit weiter, ein ständiges hin- und her, auf- und ab.

In den Städten und Gemeinden lief die Selbstorganisation nicht ganz reibungslos ab. Die tiefe ideologische Spaltung, die viele Jahre lang inszeniert worden war, wirkte bis in den letzten Ratskeller. Vereinzelt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dann trat ein erstaunlicher Effekt ein. Als man begann, über linke, rechte und libertäre Stadtteile zu diskutieren, bemerkten die Bürger, dass die Diskussionen von Tag zu Tag lahmer wurden. Verwundert diskutierten sie nun über die möglichen Ursachen ihrer Konfliktmüdigkeit. Bis sie endlich die Antwort hatten: alles lag daran, das der stillgelegte Staatsfunk keinen Propaganda-Brennstoff mehr lieferte! Und ohne das dauerhafte Anheizen des Spaltungsfeuers erloschen die Konflikte wie ein Waldbrand, der ans Meer stößt. Die Streithanseln bemerkten dann, dass sie ja irgendwie alle Menschen wären und schlossen Frieden. Bis auf einige wenige. Die leben heute in Berlin-Friedrichshain, man kann sie gegen eine kleine Gebühr besichtigen.

Heute ist die heiße Phase der Echten Transformation fast vergessen, schließlich dauerte sie nur wenige Wochen. Kaum jemand hätte sich vorstellen können, dass all diese Regierungsgebäude mit ihren Insassen einmal große Attraktionen werden würden. Doch in der Tat ist es so gekommen. Jedes Wochenende besuchen Bürger und Touristen die Häuser und lassen sich unterhalten. Sie applaudieren, wenn eine gute Rede gehalten wird, buhen, wenn ein übles Gesetz verabschiedet wird und johlen, wenn sich die Schauspieler gegenseitig beleidigen. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben, alles ist dort noch immer wie früher. Nur mit dem Unterschied, dass kein Gesetz und keine Verordnung je das Haus verlässt. Sie erklären Kriege und pandemische Notlagen, genehmigen sich stets höhere Diäten und gründen einen Ausschuss nach dem anderen. Sie errichten Brandmauern und reißen sie wieder ein. Sie schicken die Geheimdienste los, um die Bürger auszuspähen, bemerken jedoch nicht, dass es jene Dienste schon lange nicht mehr gibt. Sie tun einfach das, was sie schon immer getan haben. Denn etwas anderes haben sie nie gelernt.

Ähnliches spielt sich in den Sendehäusern des Staatsfunks und der großen Verlage ab. Sie produzieren und senden und posten, dass die Drähte glühen. Sie führen Interviews und hetzen gegen andere Meinungen. Sie fühlen sich unangreifbar und stets auf der richtigen Seite. Und das ist auch wahr. Denn niemand greift sie an, keiner macht ihnen ihre Sicht auf die Welt streitig. Denn keiner bemerkt, was sie treiben, was sie schreiben, was sie senden. Außer jenen 1.190 Zusehern, die aus Nostalgie oder aus welchem Grund auch immer die Tagesschau ansehen. Immerhin 67 mehr als im vergangenen Monat. Was denjenigen, der Sendeleiter spielen darf, zu echter Begeisterung treibt.

Die Zuschauer, die dem Politiktheater beiwohnen oder ab und zu einen der alten Sender einschalten, durchläuft so mancher Schauer. Bei den einen aus Mitleid, bei anderen im Bewusstsein, dass dies alles einmal ernst gemeint war, mit allen Konsequenzen. Froh, dass diese dunkle Epoche vorüber ist, spenden sie am Ausgang der Theater, damit sich die Insassen ordentlich ernähren können, denn sie tun ja nichts Böses mehr. Beim Verlassen der Spielstätten sind sie überglücklich, dass nun kein Bürger mehr seine Stimme abgibt, sondern sie für sich selbst behält. Denn eines haben sie inzwischen alle gelernt: entweder man gibt seine Verantwortung ab. Oder man behält sie.

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