Es lief so ab
Es lief so ab

Viele sagen, die Welt wird immer komplizierter. Unverständlicher, geradezu angsteinflößend. Das kam mir bis vor kurzem auch so vor. Doch nun sehe ich klarer. Endlich wird alles einfacher. Die Erkenntnis kam völlig überraschend, bei der Lektüre eines Artikels über neue Regeln. Das mag überraschend klingen, gibt es doch wöchentlich neue Regeln, die häufigen Änderungen führen ja gerade zu der allgemeinen Verunsicherung. Doch diesmal war es anders.

Das neue, das überraschend geniale an der großen Vereinfachung, das ist gerade ihre Unaufdringlichkeit. Ohne lautes Getöse, vor allem ohne begleitende Demos, Spaziergänge oder gar Klagen wurde sie eingeführt, spielerisch in unser aller Leben integriert und sofort wunderbar geschmeidig in Gang gesetzt.

Früher hätten Zahnräder gequietscht, alte Lager nach Schmierfett gelechzt und morsche Zahnriemen wären von Wellen gesprungen. Maschinen mögen es nicht, verstellt zu werden. Selbst Computer streiken gelegentlich, nur wenn man ihnen den Staub aus dem Gehäuse bläst. Systeme sind nun mal an Gleichförmigkeit gewöhnt, jede Veränderung muss mit Arbeit und Energie erkauft werden. Doch das ist vorbei! Es ist einfach genial: Das einzige Geräusch, was ab sofort noch zu vernehmen sein wird, das ist ein ganz leises Klicken.

Es entsteht, wenn die Maustaste federleicht an ihren Anschlag anstößt. Das ist alles. Mehr ist nicht zu hören und zu sehen. Die Maschine selbst ist auch nicht zu hören oder zu sehen. Sie ist optimal geschmiert, in alle Richtungen. Sobald der winzige Mausklick seinen Impuls an den Computer gesendet hat, laufen die elektronischen Getriebe los. Alle Prozesse sind mittlerweile optimiert, niemand muss mehr manuell eingreifen. Pressemeldungen werden automatisch versendet, Apps upgedated, Datenbankinhalte neu beschrieben, Kontrollstationen mit geänderten Daten versorgt und auch Restaurantbesitzer lichtschnell informiert. Mit einem einzigen winzigen Befehl wurden soeben aus Millionen gesunder Menschen unsolidarische Schmarotzer, denen mit diesem kleinen Klick – denn mehr brauchte es nicht –  jeder Zugang zu Kino, Theater, Gastronomie, Hotels und vor allem ihrem Arbeitsplatz nun verwehrt wird. Unveräußerliche Grundrechte, die ursprünglich geschaffen worden waren, um uns Bürger vor Übergriffen durch den Staat zu schützen, wurden elegant in den elektronischen Papierkorb des Ministeriums-Computers verschoben. Weg, entsorgt, gecancelt. CO2-neutral und klimafreundlich. Viele haben noch gar nicht bemerkt, dass das Auflösen dieser Rechte ganz ohne Energieverbrauch stattfindet. Man muss nicht einmal Bäume pflanzen dafür. Hier die vollständige Sequenz:

Delete Basic Rights y/n?

<Yes >

Click.

Natürlich ist das übertrieben. Wir haben den Vorgang deshalb genau recherchiert und sind zu folgendem Ergebnis gekommen. Es lief so ab:

Die Assistentin des Büroleiters der Hauptabteilung Covid hat auf Anweisung des Staatssekretärs, der seine Order von der ministeriellen Stabsstelle erhalten hatte, die aus einem Interviewmitschnitt ihres Chefs, des Gesundheitsministers, geschlossen hatte, dass sich seine persönliche Einschätzung zum Genesensein verändert hätte, in der Eingabemaske auf <Y> geklickt. Dafür kann man die Dame nun wirklich nicht verantwortlich machen.

Keine neuen Texte verpassen

Benachrichtigung zu Neuerscheinungen und Lesestoff (alle 4 bis 8 Wochen)