Hirnbesetzung

„Wie hoch ist die Inzidenz heute?“ „Kann ich mich endlich impfen lassen?“ „Welche neue Mutante ist am Kommen?“ „Was sagt der Lauterbach dazu?“ „Wann hört das alles auf?“ …

Seit fast eineinhalb Jahren beschäftigt uns ein Thema. Nachrichten werden gesehen, gehört, gelesen, täglich gibt es unzählige neue Informationen. Wie viele Stunden hat sich jede und jeder in all diesen Monaten mit diesem Thema beschäftigt? (gab es zuvor auch noch andere Themen?) Nach dem Aufwachen der Griff zum Handy: die neuesten Zahlen checken. Beim Frühstück die aktuelle Lage im Radio, auf dem Weg zur Arbeit (falls man noch arbeiten darf) geht es weiter. Dann die Kollegen, die Familie, die Freunde: ewige Diskussionen. Abends dann im TV der aktuellste der aktuellen Berichte, vorgetragen mit sorgenvollster Miene. Vor dem Einschlafen noch ein letzter Griff zum Smartphone: ist noch kurzfristig etwas Wichtiges geschehen? Der letzte sorgenvolle Gedanke vor dem erlösenden Schlaf: was erwartet uns morgen?

Unsere Gedanken sind besetzt worden.

Wenn all die Stunden, die wir seit Februar 2020 mit Corona konfrontiert wurden, mit dem Mindestlohn vergütet würden, hätte sich eine hübsche Summe angesammelt. Tausende von Euro, die wir für schöne oder wichtige oder nutzlose Dinge ausgeben könnten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: statt Zusatzeinkommen nur Zusatzangst. Angst vor dem Virus, den Maßnahmen, dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst um die Eltern und Freunde, Angst vor totalitären Verhältnissen, vor der Impfung, Furcht vor abweichenden Meinungen. Besonders, wenn es die eigene ist.

Doch all die tausend Stunden, die Ängste, die Wut und Verzweiflung sollen nicht umsonst gewesen sein. Denn sie könnten zu einer Erkenntnis geführt haben: wir sind besetzbar! Unsere Gedanken, Gefühle, Sympathien, sie alle sind gekapert worden. Statt sich über das schöne Wetter, die eigene Gesundheit, die Kinder, den/die PartnerIn und so vieles andere zu freuen kreisen unsere Gedanken um ein einziges Thema mit tausend Facetten. Wie von einem gigantischen Strudel wird unsere Innenwelt in eine immer bedrohlichere Umlaufbahn gezogen. Kreiselnd und strampelnd und sinnsuchend versuchen wir – jeder für sich und nach seinen Möglichkeiten – irgendwie mit all dem klarzukommen. Niemand, kein einziger Mensch konnte sich entziehen, es ist das zahlenmäßig größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Nicht der Virus ist gemeint, sondern die Gedankenbesetzung. Es gibt kein Entrinnen, egal in welchem Land, in welchem Alter, aus welcher politischen Richtung kommend. Milliarden Menschen sitzen im selben Boot und haben eines gemeinsam: ihre Gedanken wurden besetzt.

Kein Gedankenschutzbund kümmert sich um die Vergewaltigung des geistigen Innenraumes, keine Deutsche Emotionshilfe klagt auf Einhaltung von Angstgrenzwerten und keine Friday-for-Lebensfreude Demonstranten fordern eine Absenkung des Ausstoßes von negativen Nachrichten. Nichts dergleichen, im Gegenteil. Jede gute Nachricht (kaum noch Inzidenzwerte über 35 / 10 / 1) wird sofort mit einer neuen Mutante gekontert. Im Bannstrahl der furchtbaren Gefahr darf nur eines nie geschehen: ein Absinken des Angstlevels.

Denn das könnte dazu führen, dass Menschen zur Ruhe kämen und in einem unerwarteten Moment von Klarheit die Besetzer in der eigenen Psyche erkennen. Wie bei Dürrenmatts ‚Biedermann und die Brandstifter‘ würde diese fundamentale Erkenntnis etwas auslösen, das höchst unerwünscht wäre: Eine Ahnung, dass man selbst für sein Innenleben verantwortlich ist. Mit unabsehbaren Folgen. Die Hygieneregeln würden plötzlich auf den eigenen Medienkonsum angewendet werden, die Abstandsregeln könnten sich auf das Gefühl der immerwährenden Betroffenheit auswirken, mit dem Ergebnis, dass es tatsächlich einen Abstand zwischen Information und Reaktion geben könnte. Am Ende könnten Menschen sogar die Lust an der Spaltung verlieren und Leute mit anderer Meinung akzeptieren. Das will sicher keiner. Jedenfalls nicht bei ARD und ZDF, bei Spiegel, SZ oder all den anderen. Weder Merkel, Drosten, Wieler oder Inzidenzstatistikkonstrukteure.

Deshalb ist es gut, dass die Besetzer da sind. Sie schaffen eine Gleichförmigkeit der Negativität, die als Gewohnheit dann auch wieder Vertrauen schafft. Vertrauen, dass die Angst bleiben darf, dass wir uns eben daran gewöhnen müssen. Da kann man nichts dagegen tun. Auch nicht in sich selbst.